Minimalismus und Nachhaltigkeit

Zu der Zeit, als ich begann mich mit nachhaltigeren Lebensstilen auseinander zu setzen, war ich für ein mehrwöchiges Praktikum in Indien an einer Theaterschule. Oder korrekter ausgedrückt: Meine Impressionen und Erlebnisse während eines mehrwöchigen Praktikums in einer Theaterschule in Indien brachten mich dazu, darüber nachzudenken, was ich tun kann, um nachhaltiger, ressourcenschonender und trotzdem zufrieden zu leben. Ich wollte nicht länger Teil des Systems sein, der ohne zu Hinterfragen bei allem mitmacht. Unter anderem, weil ich die Müllberge gesehen habe, in denen Kinder im besten Fall spielten, in den meisten Fällen aber eher dahinvegetierten. Ich sah vor lauter Müll die eigentlich darunter liegenden Gewässer nicht… zunächst dachte ich, dass Indien dringend ein System zum Entsorgen und Verwerten seiner Abfälle bräuchte, ähnlich dem unserem (europäische Arroganz?!). Bei näherem Hinsehen wurde allerdings klar: das ist gar nicht deren Müll, sondern deutscher bzw. europäischer. Zumindest gab es viele Plastiktüten von Aldi und Co sowie Kundenkarten mit deutschen Namen und Adressen etc. Gerne würde ich euch diese Bilder zeigen, ich habe damals aber keine gemacht, wusste ja nicht, dass ich darüber mal bloggen würde. Die Zeit in Indien war für mich in vielerlei Hinsicht prägend und seit diesem Aufenthalt habe ich über die Jahre viel schrittweise verändert und nachhaltigere Gewohnheiten in meinen Alltag integriert (und trotzdem vermisse ich nichts, muss nicht nackt rumlaufen, bin seltener krank und habe sogar noch Freunde! Ach, und glücklich bin ich nebenbei auch noch!). Einige dieser Schritte habe ich schon hier auf dem Blog vorgestellt, ein anderes großes Gebiet hat inzwischen schon große Popularität erfahren: Der Minimalismus!

Was ist Minimalismus eigentlich?

Da es sich bei dem Blog nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt, nutze ich mal Wikipedia als Informationsquelle😉: Wikipedia verweist neben Stilrichtungen in Kunst etc. in Bezug auf Minimalismus als Lebensstil auf den Eintrag „Einfaches Leben“:

Einfaches Leben (englisch simple living), auch freiwillige Einfachheit (engl. Voluntary simplicity), Minimalismus oder Downshifting genannt, bezeichnet einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsum­orientierten Überflussgesellschaft sieht. Menschen versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen. Gelegentlich wird der Lebensstil auch mit dem Akronym LOVOS abgekürzt (englisch Lifestyle of Voluntary Simplicity) – in Anlehnung an LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability), das für einen Lebensstil bewussten und gezielten Konsumierens steht. Das einfache Leben stellt kein einheitliches Lebensschema dar, sondern führt zu äußerst unterschiedlichen, sehr individuellen Ausprägungen. Die Spanne reicht vom „Total-Aussteiger“ bis zum lediglich konsumkritischen Verbraucher. Kennzeichnend ist stets eine genauere Beobachtung des eigenen Konsumverhaltens.

Quelle: wikipedia

Was hat Minimalismus mit mir und meinem Indienaufenthalt zu tun?

Ich war knappe sieben Wochen in Indien und hatte gerade mal sieben Kilogramm Gepäck dabei, wobei der Laptop mit Abstand das schwerste Gepäckstück war. Drei Wechselgarnituren Wäsche, einige Bücher für die Schule, mehr nicht. Und das reichte vollkommen aus! Die Schule war mit Internat bzw. eher ein Waisenheim, denn viele der Kinder dort hatten keine Eltern mehr. In meiner großen Reisetasche hatte ich trotz allem mehr dabei als die Kinder besessen hatten. Aber weder den Kindern noch mir fehlte in der Zeit etwas (gut, ich vermisste Freunde und Verwandte und nach einer gewissen Zeit sehr gewaltig Spätzle), doch streng genommen fehlte nichts, was für Überleben und Wohlbefinden nötig war. Das Gelände der Schule lag etwas außerhalb einer größeren Stadt und man konnte die Bananen von den Palmen frühstücken. Nachts gab es keinen Strom und man konnte die Affen bei ihren Rang- und Revierkämpfen hören. (Kekse sollten man auch besser gut verschlossen aufbewahren. Also verschlossen im Sinne von „man braucht einen Schlüssel, um daran zu kommen“. Sonst sind sie weg…). Zurück zu Hause in Heidelberg war ich total überfordert mit allem. Damals wohnte ich noch direkt in der Altstadt, die Einkaufs- und Touristenhölle schlechthin. Als ich mich durch diese Straße mit lauter Menschen und blinkenden Schaufenstern gekämpft hatte und in unserer WG ankam, war ich von der Fülle in meinem Zimmer erschlagen. Gut, als angehender Lehrer neigt man zum Jagen und Sammeln von allem, als Schwabe ist man bekanntlich auch zu geizig, um was herzugeben (man könnte es ja mal brauchen) und mit den Genen meiner Mutter (da könnte man ja noch was Nettes draus machen) war ich auch wirklich prädestiniert für ein übervolles Zimmer. Und das beziehe ich nicht auf die frauentypische Problemzone Kleiderschrank, denn für mich gab und gibt es nichts Schlimmeres als Kleidung kaufen zu müssen!

Nachdem ich mich etwas erholt hatte, begann ich also auszumisten. Dabei folgte ich keiner besonderen Methode oder einem Programm. Als ich knapp zwei Jahre später umzog, ging dieser Umzug deutlich schneller und mit weniger Transportkapazität vonstatten als der Einzug in die Altstadt. Als ich ein knappes Jahr später nochmal umziehen musste, bekam ich alles in einem Sprinter unter. Trotzdem, es fehlte mir an nichts und mit jedem Teil, das wegging und bei anderen Menschen einen (neuen) Sinn bekam, ging es mir besser. Bei einigen Dingen, die ich weggab, wusste ich nicht einmal, dass ich sie hatte. Teilweise kamen Dinge zutage, die ich schon dreimal umgezogen hatte… aber seit dem nie benutzt bzw. gebraucht hatte…

Was hat Minimalismus mit Nachhaltigkeit zu tun?

Vor einiger Zeit las ich auf einem Blog (den ich leider nicht mehr finde und deswegen nicht verlinken kann) von einer Unterscheidung in „Lifestyle-Minimalismus“ und „Minimalismus als nachhaltiger Lebensstil“. Wenn man über die Nachhaltigkeit von Minimalismus diskutieren möchte, finde ich diese Unterscheidung sehr spannend. Menschen entscheiden sich aus den unterschiedlichsten Gründen für mehr oder weniger extreme minimalistische Lebensweisen: der eine, weil er als Arbeitsnomade durch die halbe Welt reist und deswegen an nichts gebunden sein möchte, der andere weil er freie Flächen für seinen Kopf braucht und die nächsten aus nachhaltigen Gründen. Andere lieben es, in den Wohnräumen freie Flächen zu haben, die durch ein stylisches Unikat zum Hingucker in ihrer Hochglanzwohnung werden, die sie aufgrund ihrer Arbeitszeit allerdings kaum zu Gesicht bekommen. Ich polarisiere jetzt sehr stark, um den Unterschied hervorzuheben: ein „Lifestyle-Minimalist“, der sein Leben vereinfacht und unliebsame Aufgaben etc. (Minimalismus bezieht sich ja nicht nur auf gegenständlichen Besitz) aus dem Leben wirft, radikal alles wegwirft, sich das neueste Smartphone holt (vereinfacht das Leben weil es die Funktion xy hat) und Erlebnisse (yeha, Fallschirmsprung aus dem Flugzeug…) statt Besitz sammelt, ist nicht wirklich nachhaltig. Ein anderer, der sich dagegen bei jeder Neuanschaffung überlegt, ob er sie wirklich braucht, nur die Klamotten (und dann womöglich second hand) kauft, die er wirklich braucht und sich beim Ausmisten und „Befreien“ die Dinge weitergibt (anstatt sie wegzuwerfen), lebt im Vergleich zum „Lifestyle-Minimalisten“ einen nachhaltigeren Minimalismus.

Das klingt jetzt ein wenig so, als ob „nachhaltiger Minimalismus“ totaler Askese entspricht. Was ich letztendlich sagen möchte, ist, dass Minimalismus nicht mit einer nachhaltigen Lebensweise gleichzusetzen ist. Trotz allem enthält der Minimalismus viele Tendenzen und Ströme, die nachhaltig sind. Dinge, die nicht konsumiert werden, müssen nicht hergestellt werden und benötigen somit keine Ressourcen. Es wird keine Energie für die Produktion benötigt und Transportwege fallen weg. Ebenso stellt sich nicht die Frage, ob und wie es entsorgt werden kann und muss. Somit ist Minimalismus im Sinne einer Konsumreduktion sehr nachhaltig. Neben den „materiellen“ Ressourcen schont Minimalismus auch geistige Kräfte: Oft sind es ja die Dinge, die einen besitzen. Aber das ist wohl noch einen weiteren Blogbeitrag wert!

Wie lebe ich Minimalismus? Ist es so nachhaltig?

Damit dieser Beitrag zum Ende kommt und ihr nicht aus Versehen einschlaft, möchte ich nochmal deutlich sagen, dass ich den sogenannten „Lifestyle-Minimalismus“ zum Polarisieren und Verdeutlichen genutzt habe und hoffe, dass ich dafür nicht angegriffen werde. Ich für meinen Teil zähle nicht, wie viele Dinge ich besitze (extreme Minimalisten haben keine Wohnung und bekommen ihr Hab und Gut in einen Wanderrucksack. Bei manchen darf man sich auch erst Minimalist nennen, wenn man weniger als 100 Dinge zu seinem Besitz zählen kann. Ob dabei jede Socke einzeln oder das Paar gezählt wird, ist mir noch unklar…) Auch ist es so, dass ich beruflich einfach einige Dinge brauche. Trotz allem habe ich mich in den letzten Jahren von vielen Sachen getrennt: Bücher, DVDs, Instrumente, Klamotten, Küchenutensilien und und und. Dabei konnte ich das meiste Weggeben, sodass die Sachen nicht auf dem Müll gelandet sind. (Dazu folgt noch ein gesonderter Beitrag.) Doch der Vorgang des Ausmistens ist noch lange nicht zu Ende und ich finde immer noch Dinge, bei denen ich mich frage, warum und wozu ich sie eigentlich angeschafft habe und wie dieses „Das brauch ich unbedingt“-Gefühl entstanden ist. Einzug für ein neues Ding in die Wohnung gibt es nur, wenn dafür ein anderes weg geht. „Neue“ Sachen gibt es überhaupt nur, wenn sie benötigt werden. Wenn ich Dinge wirklich benötige, schaue ich zuerst, ob ich sie SecondHand erstehen oder bei temporären Anliegen die Sachen leihen kann. So entstanden über die Zeit viele freie Flächen und Fächer in meiner Wohnung, die mir und meinem Kopf gut tun. (Gut, dann zog der Herr des Hauses ein und nahm diese Flächen in Beschlag :).

Bin ich also Minimalist: Nein, definitiv nicht. Dafür habe ich eindeutig zu viele Sachen. Allerdings bin ich in meinen Kauf- bzw. Konsumentscheidungen sehr minimalistisch und überlege wirklich genau, ob ich das Ding wirklich brauche. Meistens brauche ich es nicht wirklich und wenn doch, findet sich in den meisten Fällen eine Leih- oder Secondhand-Möglichkeit. Dadurch konsumiere ich viel bewusster, was wiederum zu einem ressourcenschonendem Konsum führt. Dadurch ist meine Form des „Minimalismus“ für mich eine Möglichkeit, mein Leben nachhaltiger als früher zu gestalten. Allerdings finde ich den Begriff „Minimalismus“ für mich nicht treffend, mir gefällt „Weniger ist mehr“ deutlich besser. Und bei diesem Motto fühle ich mich wohl: Weniger Klamotten, dafür mehr Lieblingsklamotten. Weniger oft Eis essen gehen, dafür dann mit „mehr Qualität“ (=mit netten Freunden, in einer guten Eisdiele mit Bio-Eis). Weniger Aufgaben und Tätigkeiten, mehr Freude und ZEit für die, die mir wirklich wichtig sind. Oft ist ein „weniger von…“ gleich ein „mehr in Sachen Nachhaltigkeit“. Das ist ein weiterer Grund, warum ich mich nicht als Minimalisten bezeichnen würde: ich denke gefühlt nicht aus der Minimalismus-Ecke, sondern eher aus der Nachhaltigkeitsecke. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich mir nichts Schönes gönne und ein Miesepeter bin. Wenn ich etwas brauche und ich keine Möglichkeiten des Leihens oder des SecondHand-Kaufens finde, suche ich nach einer nachhaltig und fair produzierten Kaufmöglichkeit. Das gelingt manchmal, manchmal auch nicht. So ist das eben im Leben und vor allem in meinen, das weit entfernt von jeglicher Form des Perfektionismus ist.

Ich denke, dass jeder Bereiche in seinem Leben findet, in denen er keine Abstriche machen möchte. Aber ich denke auch, dass jeder Bereiche in seinem Leben findet, in denen ein „Weniger“ zu „Mehr“ (Freiheit/-zeit, Geld, schönen Momenten, Nachhaltigkeit, Ruhe….) führen würde. Das muss allerdings jeder für sich entscheiden und herausfinden. Mich würde interessieren, wie ihr zum Minimalimus steht? Wo könnt ihr euch vorstellen, minimalistischer zu leben und was sind eure Motiven? Ist Minimalismus mit Kindern möglich?! Also, auch wenn die Kommentarfunktion immer noch nicht richtig funktioniert (WordPress-Reader müssen über den Browser auf den Blog gehen), würde ich mich über eure Gedanken freuen!

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